Seminar für Integrative Phytotherapie 

 

Pressemitteilung vom 10.08.2007 19:01:51

Dieses Buch kann Ihre Gesundheit gefährden: „Borreliose natürlich heilen“ von Wolf-Dieter Storl,

AT-Verlag 2007

Borreliose wird von Zecken übertragen und ist eine sehr ernsthafte Krankheit, die zu schweren Dauerschäden führen kann. Rechtzeitige Behandlung mit Antibiotika heilt die Borreliose in der Regel, doch braucht es dazu hohe Dosen. Einer solchen Therapie unterzieht sich niemand gerne. Nun verspricht ein neues Buch vollmundig eine natürliche Heilung der Borreliose ohne Antibiotika. Das ist ausgesprochen fahrlässig und setzt von Borreliose betroffene Menschen, die sich an solche Ratschläge halten, einem Invaliditätsrisiko aus.

Das Buch ist eine Sammlung von Ratschlägen, Behauptungen und Heilungsgeschichten. Es fehlt durchgehend an Begründungen und an der sorgfältigen Dokumentation der geschilderten Erfahrungen. Ohne Begründungen und ohne sorgfältige und transparente Dokumentation lässt sich nicht nachvollziehen, auf welchen Fakten die Empfehlungen basieren. Dadurch wird aber auch verunmöglicht, dass man sich als Leserin oder Leser, Laien oder Fachleute, eine eigene fundierte Meinung zum Inhalt des Buches macht.

Es bleibt nur Ablehnung oder Glaube - blinder Glaube notabene. So entstehen Guru-Systeme. Ein Guru muss nichts begründen, ihm wird blind vertraut. Storl polemisiert auf billige und undifferenzierte Weise gegen „Schulmedizin“ und Antibiotika. Die Antibiotika- Behandlung der Borreliose hält er für „kaum wirksam“, da Antibiotika gegen die Erreger machtlos seien – auch hier ohne für diese sehr fragwürdige und irreführende Aussage Belege zu liefern. Dass wir mit der Resistenz-Entwicklung bei Antibiotika ein ernsthaftes Problem haben, bestreitet kaum mehr jemand. Jede Antibiotika-Behandlung, die nicht zwingend nötig ist, sollte vermieden werden. Es gibt aber auch Krankheiten, bei denen es meines Erachtens verantwortungslos ist, gegen die Antibiotika-Anwendung Stimmung zu machen, weil das Risiko von Dauerschäden gross ist. Borreliose gehört zu diesen Krankheiten. Und obwohl rund um Diagnose und Therapie der Borreliose noch längst nicht alle Fragen geklärt sind, ist die Wirksamkeit und Notwendigkeit frühzeitiger Antibiotika-Behandlung medizinisch unbestritten Für die Wirksamkeit der Antibiotika-Behandlung sprechen Untersuchungen im Reagenzglas, kontrollierte Patientenstudien und auch zahlreiche dokumentierte Behandlungverläufe in Hausarztpraxen. Dort muss nämlich – im Gegensatz zu Storl, der nur vageste Heilungsgeschichten liefert – jeder Behandlungsverlauf genau festgehalten werden.

Wer hier daher kommt und sagt, dass alle MedizinerInnen unrecht haben und ihre Ratschläge gefährlich seien, und dass man besser seinen Ratschlägen folgen soll, der muss starke Argumente auf den Tisch legen. Storl aber bringt statt Argumente nur schöne Versprechungen und diffuse Behauptungen. Storl selber propagiert als wichtigstes Mittel gegen Borreliose die Tinktur aus der Karde. Auch hier kommen als „Argumente“ vor allem Heilungs-Anekdoten zum Zug. Seht her, sie sind alle gesund geworden. Daran kann man doch sehen, dass Kardentinktur hilft! Vollkommen ausgeblendet wird dabei, dass in den meisten Fällen das menschliche Immunsystem von selber mit den Borreliose-Erregern fertig wird. Wer leichtfertig von Heilung spricht, kann also gar nicht wissen, ob der behandelte Mensch, wie die Mehrzahl der Betroffenen, auch von selbst gesund geworden wäre. In einem kleinen Teil der Fälle verläuft die Borreliose ohne Antibiotika-Behandlung jedoch sehr gefährlich. Storl erweckt in seinen Schilderungen unhinterfragt den Eindruck, dass die Besserungen mit der von ihm beschriebenen Therapie zusammenhängen. Dieser vollkommen unkritische Umgang mit den eigenen Erfahrungen zieht sich durch das ganze Buch. Weder in der traditionellen Pflanzenheilkunde noch in der modernen Phytotherapie-Fachliteratur gibt es ernstzunehmende Hinweise auf eine Wirkung der Kardentinktur gegen Borreliose. Storl führt dazu nur an, dass in der chinesischen Medizin eine chinesische Kardenart gemischt mit anderen Pflanzen bei Krankheiten verwendet werde, die der Borreliose ähnlich sind. Eine vagere Begründung ist kaum denkbar, ganz abgesehen davon, dass damit noch nichts über die Wirksamkeit gesagt wird.

Aus phytotherapeutischer Sicht enthält das Buch zudem zahlreiche Irrtümer, etwa wenn Misteltropfen als immunstimulierend gegen Borreliose empfohlen werden. Mistelextrakte zeigen zwar gewisse immunstimulierende Effekte, die begleitend zu Tumor-Therapien eingesetzt werden. Ob sich diese Wirkungen auch bei Borreliose zeigen, müsste noch geklärt werden. Für die immunstimulierenden Wirkungen der Mistel sind hochmolekulare Inhaltsstoffe verantwortlich, die nicht via Verdauungstrakt resorbiert werden. Daher werden Mistelpräparate in der Tumortherapie injiziert. Mistel in Tropfenform für die Immunstimulation zu empfehlen, zeugt von Unkenntnis. Ebenso fragwürdig ist die Empfehlung von Mariendistel als Tee. Die dafür verantwortlichen Wirkstoffe sind sehr schlecht wasserlöslich.

Bei zahlreichen Pflanzen führt Storl immunstimulierende und andere Wirkungen auf, die durch Experimente im Reagenzglas, durch Tierversuche und mit isolierten Substanzen entdeckt wurden. Dabei stellt sich immer die Frage, ob und wie weit sich solche abstrakten Ergebnisse auf borreliosekranke Menschen übertragen lassen. Das mindert stark die Aussagekraft und Bedeutung der Angaben. Wesentlicher wären kontrollierte und gut dokumentierte Untersuchungen am borreliosekranken Menschen. Davon ist bei Storl aber weit und breit nichts zu sehen. Zu fordern wäre jedoch zumindestens, dass er die Herkunft der Angaben aus Reagenzglas, Tierversuch oder isolierter Einzelsubstanz transparent macht. An anderen Stellen, wenn es um die Abwertung der „Schulmedizin“ geht, lehnt er solche Methoden nämlich vehement ab.

Storl ist Ethnobotaniker. Auf diesem Gebiet kann man von ihm Interessantes lernen, obschon es wohl seriösere Ethnobotaniker gibt, die allerdings weniger bekannt sind, weil sie nicht derart perfekt den esoterischen Zeitgeist bedienen. Wenn Storl über phytotherapeutische Themen schreibt, ist er unpräzis, fehlerhaft oder gefährlich. Hier wäre wohl bessser, wenn der Schuster bei seinem Leisten bliebe.

Zu fragen wäre auch, wie die Qualitätssicherung im AT-Verlag derart versagen konnte. Ein Manuskript zu einem so heiklen Thema wie der Borreliose müsste zwingend von unabhängigen Fachpersonen begutachtet werden. Aber im AT-Verlag kennt man Storl. Das genügt. Wer einmal einen bestimmten Guru-Level erreicht hat, wird offenbar nicht mehr in Frage gestellt. Für allfällige Gesundheitsschäden fühlt sich der Verlag nicht verantwortlich.

Das Buch wird ein Erfolg werden. Pervers ist, dass auch jeder kritische Artikel zur Umsatzsteigerung beiträgt, weil die Sehnsucht nach einfachen, wunderbaren Lösungen stärker ist als jedes Argument. Andererseits muss diese Auseinandersetzung einfach geführt werden.

Das Buch ist oberflächlich. Es tippt hundert Themen an, wird aber nirgends wirklich fundiert und konkret. So entsteht der Eindruck von umfassender Ganzheitlichkeit.

Leicht machen wird es sich die grosse Mehrheit der Anhängerinnen und Anhänger von Wolf-Dieter Storl.

Kritik wird in diesen Kreisen erfahrungsgemäss schnell in die schulmedizinisch-wissenschaftliche Ecke gestellt und muss dann nicht mehr ernst genommen werden. Falls Sie an Borreliose leiden, möchte ich Ihnen mit Nachdruck empfehlen: Verlassen Sie sich auf gar keinen Fall allein auf die Ratschläge dieses Buches. Dafür ist Borreliose zu ernsthaft und dieses Buch viel zu oberflächlich.

Suchen Sie sich einen kompetenten Hausarzt oder eine kompetente Hausärztin Ihres Vertrauens. Wechseln Sie nötigenfalls, bis Sie jemanden gefunden haben, bei dem Sie sich gut betreut fühlen. Diskutieren und planen Sie dann partnerschaftlich die nötigen Behandlungsschritte.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Heilpflanzenkunde

Seminar für Integrative Phytotherapie, Winterthur, www.phytotherapie-seminare.ch

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